Frage von Henrike S. (fiktive Stimme im Forum-Start, stellvertretend für mehrere reale Anfragen):
Ich finde die Idee mit der „evidenzbasierten Politik" gut, aber ich sehe auch eine Falle: Studien sind oft widersprüchlich, je nach Studie kommt was anderes raus, und dann pickt man sich halt die raus, die zum eigenen Standpunkt passt. Wie wollt ihr das verhindern?
Das ist die mit Abstand wichtigste Frage, die uns gestellt werden kann — und du hast recht, dass sie nicht trivial zu beantworten ist. Drei konkrete Mechanismen, die wir uns auferlegen:
a) Pre-Registration unserer Annahmen. Bevor wir eine Forderung formulieren, schreiben wir vorher auf, welches Ergebnis uns überzeugen würde, dass wir falsch liegen. Das ist methodisch das Gleiche wie in der Forschung: man hindert sich selbst daran, die Hypothese nachträglich ans Ergebnis anzupassen (sog. „HARKing").
b) Reviews durch Außenstehende. Jede größere Forderung wandert vor Veröffentlichung an mindestens zwei Wissenschaftler:innen, die nicht aus unserem Umfeld kommen — idealerweise jemand, der dem Ansatz kritisch gegenübersteht. Deren Anmerkungen werden mitveröffentlicht, nicht versteckt.
c) Korrigierbarkeit als Prinzip. Jede Maßnahme, die wir fordern, bekommt von uns eine Frist (meist 24 Monate) und einen Wirkungs-Indikator. Stellt sich heraus, dass die Maßnahme nicht wirkt oder Schaden anrichtet, wird sie öffentlich revidiert. Politiker:innen, die ihre eigenen Entscheidungen nicht zurücknehmen können, sind aus meiner Sicht das größere Problem als „falsche Studien".
Werden wir damit perfekt sein? Nein. Werden wir Fehler machen? Sicher. Aber das Versprechen ist nicht „wir sind unfehlbar", sondern „wir sind bereit, korrigiert zu werden". Das halte ich für die ehrlichste Form, die Politik haben kann.
— Oliver Deppe